Klassische Dramenform - Physiker

Klassische Dramenform

Einheiten

Diese Dramenform unterteilt sich in drei Einheiten:

1. Die Einheit des Ortes:
Diese bedeutet die Unverrückbarkeit des Schauplatzes der Handlung. Das kam so zustande, weil in den früheren Theatern die Bühnen nicht umbaufähig ausgelegt waren. Aus diesem Grund wurde der Schauplatz innerhalb eines Stückes nie gewechselt.

2. Die Einheit der Zeit:
Diese steht für die angestrebte Übereinstimmung von Spielzeit und gespielter Zeit. Sie ergab sich aus der in sich geschlossenen Handlung. Im Griechischen Drama durfte die dargestellte Handlung nicht länger als von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang dauern.

3. Die Einheit der Handlung:
Diese beinhaltet die Geschlossenheit und die Konzentration der Handlung. Sie verlangt die Darstellung einer abgeschlossenen und ganzen Handlung. Jede Szene muss auf die vorangegangene logisch aufbauen. Ein Umstellen oder ein Entfallen einzelner Szenen zerstört die ganze Handlung.
B. Die drei Einheiten in Bezug auf die Physiker
Dürrenmatt geht in dem Buch sehr detailliert auf die Beschreibung dieser drei Einheiten ein, so dass jede Einzelheit ganz genau in der Bühnenanweisung erwähnt wird, um diese Ordnung zu bewahren:

  1. Der Schauplatz (Salon in der Villa der Anstalt "Les Cerisiers") wird nie verlassen.
  2. Durch die detaillierte Dialogform mit der entsprechenden Handlung auf der Bühne wird das Kriterium der zeitlichen Einheit erfüllt. Die Handlung beginnt im November um 16.30 Uhr und endet ca. eineinhalb Stunden später mit der Henkersmahlzeit.
  3. Es geht um die Atombombe und damit um das Schicksal der Physiker und der ganzen Menschheit.


"Einer Handlung, die unter Verrückten spielt, kommt nur die klassische Form bei". So formuliert Dürrenmatt selbst seine Begründung für die klassische Form. Diese Wahl der klassischen Form unterstreicht die Paradoxie der Komödie. Auf der einen Seite stehen die drei Physiker Newton, Einstein und Möbius, die sich aufgrund ihres Berufes und ihrer Leidenschaft durch Ordnung, Genauigkeit und völliger Berechnung des Lebens auszeichnen und denen Unordnung und Zufall fremd ist. Im Gegenteil dazu steht die Verrücktheit, das Chaos und das schizophrene Leben in der Irrenanstalt.

Humor, Satire und Groteske

Aufgrund der ernsten Handlung der "Physiker" fand der Humor hier keine Verwendung, sondern mehr die Satire und die Groteske.
Die Satire (= Übertreibung, Verzerrung der Tatsachen bis ins Lächerliche) greift wie der Humor das Komische auf, jedoch in etwas anderer Form. Sie besitzt meist eine eher ironisch-aggressive Form, bei der durch Spott und Witz meist menschliche Schwächen dargestellt werden.

Verwendung in den Physikern:

In der Einleitung wird die Beschreibung der Patienten ins Lächerliche gezogen:
"Die ganze geistig verwirrte Elite des halben Abendlandes", [...], "Vertrottelte Aristokraten, debile Millionäre und manisch-depressive Großindustrielle."


Das Groteske (= merkwürdig, überspannt, wunderlich und phantastisch) ist allgemein häufig in Dürrenmatts Werken anzutreffen. So auch in den Physikern. Die Groteske stellt das paradoxe und gleichzeitig auch die Wirklichkeit so dar, dass die Missstände unserer Zeit verdeutlicht werden. Daher kann sie sowohl Lachen als auch Grauen hervorrufen, da eigentlich unvereinbares nebeneinander gestellt wird. Es werden Dinge verzerrt und bewusst übertrieben; dies soll häufig zu neuen Erkenntnissen führen.

Verwendung in den Physikern:

Die Person der Mathilde von Zahnd: Zu Beginn schein sie die besorgte, verständnisvolle und hilfsbereite Ärztin zu sein, die nichts außer Acht lässt um den Physikern ihr Leben erträglicher zu machen. Gegen Ende wandelt sie sich dann zur gnadenlosen Herrscherin, die ihre Macht über die Insassen der Anstalt demonstriert.
Die drei Morde, die von den Physikern begangen werden, sind genauso grotesk, da ihr Zweck und ihre resultierende Wirkung unvereinbar sind.

Dürrenmatts "21 Punkte zu den Physikern"

  1. Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.
  2. Geht man von einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden.
  3. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat.
  4. Die schlimmst mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.
  5. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.
  6. Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.
  7. Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem begegnet.
  8. Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.
  9. Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie immer dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B. Ödipus) .
  10. Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).
  11. Sie ist paradox.
  12. Ebenso wenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden.
  13. Ebenso wenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden.
  14. Ein Drama über die Physiker muss paradox sein.
  15. Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziel haben, sondern nur ihre Auswirkungen.
  16. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.
  17. Was alle angeht, können nur alle lösen.
  18. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen ,was alle angeht, muss scheitern.
  19. Im paradoxen erscheint die Wirklichkeit.
  20. Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.
  21. Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu überwältigen.

Hierzu lässt sich bei Dürrenmatts eigenem Stück leicht einiges auf Anhieb finden. Ich habe mich jedoch auf die wichtigsten Punkte beschränkt. Zunächst lässt sich sagen, dass er alle seine Punkte in den Physikern verwendet hat; diese Komödie stellt also, seiner Meinung nach, ein Musterbeispiel für den Aufbau einer jeden Komödie dar:

Zu 1.: Eine These ist im Gegensatz zu einer Geschichte etwas das zwar vorstellbar wäre jedoch noch nicht passiert ist. Eine Geschichte ist entweder irreal und kann nie eintreten oder ist bereits geschehen und wird nun wieder erzählt.

Zu 3.: Die schlimmst mögliche Wendung in Bezug auf Dürrenmatts Physiker ist wohl der charakterliche Wandel der Mathilde von Zahnd. An dieser Stelle muss der Physiker Johann Willhelm Möbius leider feststellen, dass seine gesamten Mühen und alles, was er geopfert hat, vergebens war.

Zu 4.: Dies setzte der Autor in der Weise um, dass er zu keinem Zeitpunkt im Stück erwähnt oder gar nur erahnen lässt, wie es ein Ende finden wird. Jeder Zuschauer, der vorher versucht, sich ein Urteil zu bilden, wird in die Irre geführt.

Zu 5.: Selbst dies wurde wirkungsvoll in die Tat umgesetzt, indem nicht nur ein zufälliges Ereignis eintritt, sondern mehrere über die gesamte Komödie verteilt. Es ereignet sich immer genau dann etwas Unglaubliches, wenn der Leser einen Punkt erreicht hat, zu dem er der Meinung sein könnte, dass sich nichts Besonderes oder Ungewöhnliches mehr ereignen kann.

Zu 7.: Hierzu kann man fast unzählige Beispiele aus dem Buch anführen: Der Mord den Möbius begeht schein unlogisch und unbegründet zu sein, genauso wie anfangs die restlichen Morde der anderen beiden Physiker. Eine weitere zufällige Begegnung ist der Besuch von Möbius Familie in der Anstalt. Und natürlich am Ende die Erscheinung der Mathilde von Zahnd.

Zu 8.: Ich denke, dies setzte Dürrenmatt vor allem in der Person des Johann Wilhelm Möbius um, da dieser alles unternimmt, um seine Formel nicht der Öffentlichkeit zugängig zu machen.
Hierbei geht er sehr planmäßig vor und ihn trifft der Zufall wohl am schlimmsten. Fast genauso ergeht es jedoch den anderen beiden Physikern.

Zu 9.: Wilhelm Möbius versuchte durch die Vorgabe "irre" zu sein der Veröffentlichung seiner neuen Errungenschaft zu entgehen. Am Ende ist das, was er erreicht, genau das Entgegengesetzte, da er dann überhaupt nichts mehr von seinen Ergebnissen hat, da Frau von Zahnd ihm diese entwendet und dafür sorgt, dass er nie wieder aus der Anstalt entlassen werden kann.

Zu 15-18.: Hier spielt er wohl darauf an, dass Möbius versucht auf eigene Faust zu lösen, was die gesamte Menschheit angehen würde. Er entscheidet sich dafür die Ergebnisse nicht jedem zugänglich zu machen, obwohl es sie angehen müsste.